Home Politik Artikel Der Auftritt der Scheinheiligen
Der Auftritt der Scheinheiligen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: H. Wunschel   

 

BILD-Zeitung vs. Wulff

 

Es ist schon erstaunlich, wie sich die ganze Nation seit Wochen im Ausnahmezustand befindet, nur weil der großen BILD-Zeitung ein Haar gekrümmt werden könnte. Gerade jenen, die das besonders rücksichtslose Vorgehen anderen gegenüber zum Geschäftsprinzip erkoren haben.

Doch ein solches Statement suchen wir jetzt vergeblich unter den Großsprechern, die sonst immer gleich zur Stelle sind, wenn es etwas anzuprangern gilt.

Besonders scheinheilig ist der Auftritt jener, die sich ständig Gedanken über die „Würde des Amtes“ machen, um diese Würde dann umso heftiger in den Schmutz zu ziehen.

Ein typischer Sekundärpolitiker dieser Art ist der Parteivorsitzende Gabriel, der sich flugs auf die Seite der Stärkeren geworfen hat, um mit Wonne  in die gleiche Kerbe schlagen zu können. Nur allzu gerne würde er jetzt mit der CDU gemeinsame Sache machen, um beim Sturz des Bundespräsidenten dabei sein zu dürfen.

 

Alexander Dobrindt (CSU) traf es vielleicht am besten, indem er konstatierte: „Herr Gabriel lässt jeden Anstand vermissen. Von ihm kommen nur Zündelei und parteikritisches Manövrieren. Die Opposition muss wissen, ob sie durch Weiterdrehen der Affäre den Lack weiter zerkratzen will.“

Andererseits gibt es besonnene Stimmen wie die des feinen Horst Köhler, der als Wulffs Vorgänger weiß, wovon er spricht: „Politiker haben einen schweren Job. Wir sollten deshalb auch ein bisschen Verständnis haben, wenn es manchmal knirscht.“

 

Die ersten Leserbriefschreiber fragen sich auch schon: „Was hat Herr Wulff eigentlich Schlimmes getan, dass er jetzt so fertig gemacht wird?“ Natürlich, er wollte nicht in der Öffentlichkeit ausbreiten, dass er von einem befreundeten Unternehmerpaar seinen Baukredit bekommen hat, bevor er zur Bank ging. Der große Fehler aber war die Majestätsbeleidigung gegenüber der BILD-Zeitung, deren Chefredakteur er aus der arabischen Wüste anrief, um  eventuell die peinliche Kreditgeschichte noch zu verhindern. Wulff sagt allerdings, dass es ihm nur um 1 Tag Aufschub gegangen sei. Kann ein solches Anliegen nicht legitim sein, auch wenn es von einem Staatsoberhaupt kommt?

  

Wulff ist vor allem deshalb angreifbar geworden, weil er ein grundanständiger Mensch ist, dem die Raffinesse fehlt. Bei einem solchen Musterschüler  ist es natürlich besonders interessant, wenn man ihm ein wenig am Zeug flicken kann.

Wer das bescheidene Eigenheim in der niedersächsischen Provinz (Großburgwedel) kennt, müsste sich eher darüber wundern, dass der erste Mann im Staate privat in solch  relativ bescheidenen Verhältnissen lebt, die ein etablierter Zahnarzt nur mitleidvoll belächeln kann.

  

Christian Wulff, der ganz von untern kommt, machte überhaupt den Fehler, dass er in seinem Umgang den Blick auch dann noch nach unten richtete, als er längst schon über den Wolken schweben konnte. Diese Affinität zur eigenen Herkunft könnte ihm jetzt zum Verhängnis werden.

  

Wie wäre es sonst möglich, dass ein Staatspräsident in der arabischen Wüste persönlich zum Hörer greift, um beim Chefredakteur einer Boulevardzeitung um Schönwetter zu bitten? Wulff hätte in dieser Situation von dem geschulten SED – Politiker Gregor Gysi lernen können, der eine Kampagne der BILD – Zeitung stoppte, indem er jede Geschichte mit einer Gegendarstellung konterte. Europas mächtigste Zeitung verlor nach wenigen Wochen die Nerven und gab auf.

 

Durch diese Machtprobe zeigte der Einserjurist Gysi, dass auch in Deutschland das Recht unbesiegbar ist, wenn es richtig angewandt wird. In diesen Sphären ist Christian Wulff eher der Typ Waisenknabe. Fairerweise muss aber auch gesagt werden, dass er als Staatspräsident in der Wahrnehmung seiner Rechte stark eingeschränkt ist, selbst wenn er eine Kämpfernatur wäre.

 

Helmut Wunschel